Die Autorin und Journalistin Cornelia Boehler aus Maur hat das neue Buch des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales für Sie gelesen und hier besprochen.
Vielen herzlichen Dank.


Jimmy Wales, Die 7 Regeln des Vertauens oder wie man Dinge von Dauer schafft. Der Wikipedia-Gründer über die Prinzipien seines Erfolgs
Piper Verlag

224 Seiten Fr. 33.50
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Jimmy Wales
Gründer von Wikipedia
Trust
Die 7 Regeln des Vertrauens
ISBN 978-3-492-07276-2

Dieses Buch blickt auf die Geschichte der Enzyklopädie Wikipedia, die als das Gratis-Nachschlage-Register der letzten 25 Jahre gilt, und die Unmenge von Information, die dieses Werk online liefert. Der Autor ist der Gründer und es ist ihm überhaupt nicht übel zu nehmen, dass er auf sein Werk stolz ist. Dahinter steht ja eine simple Idee: wer über eine Sache etwas weiss, soll dies online beschreiben und sich auch online ergänzen und korrigieren lassen können. Das war im Januar 2001. Jimmy Wales musste immer wieder erklären, dass Artikel zu einem Suchwort, zu einem Thema geschrieben werden konnten, aber auch zu erklären, dass dies alles im Internet passieren sollte. Die Encyclopaedia Britannica war bisher das Such-Buch von internationalem Rang in Englisch, darauf verliessen sich alle, im Jahr 2010 hatte sie 32 dicke Bücher erreicht, und ich erinnere mich, dass eine Schreibkollegin von mir diese Bücherei besass, wir wollten einen Vortrag halten für unsere Kolleginnen, was es beim Schreiben für Strukturen gibt und wie sie gekennzeichnet sind: also Roman, Novelle, Kurzgeschichte, Essay waren unsere Themen. Wir fanden ALLES - ja alles - dort im Buch, wir kürzten und verlängerten und hatten einen Vortrag von einer Stunde zusammen, den wir überall vortragen konnten, von Basel bis nach Winterthur. Seit 2015 ist auch diese Encyclopädie nicht mehr gedruckt, sondern online. Woher ich das weiss? von Wikipedia!

Nun also ein Buch dazu mit 7 Regeln, tönt ein bisschen nach Zaubertrick, Mystik diese Zahl und auch die 7 Regeln dazu im Buch Innenumschlag erwähnt sind nicht so einfach zu lesen, auch immer wieder mit Wörtern versehen wie Vertrauen, Verbindung, positives Ziel, Taten statt Worte und zuletzt sogar Transparenz. Auch hier ist eigentlich nichts zu meckern, wenn ich dann aber auf die erste Innenseite komme, stutze ich: hier steht eine Widmung, die schon mal nicht Deutsch, sondern mit dem abverheiten Relativ-Satz ein Kauderwelsch ist, das Buch sei für seine Mädels, diese Aussage macht es nicht sympathischer. Ich hoffe, diese Mädels waren nicht die Korrektorinnen des Piper-Verlages, des Herausgebers des Buches in Deutsch.

Ich mache mich also auf, diese Saga der Entstehung einer nun allgegenwärtigen Suchmaschine auf mich wirken zu lassen: es bleibt immer wieder bei einem Ueberschwang, der nur der Erzähler hat, das Lesen dieses Buches wird dabei nicht klarer. Als Leser oder Leserin kann man sich trotzdem darauf einlassen, vieles ist neu und genau beschrieben wie dieser Weg beschritten worden ist. Logischerweise sind aber alle Bezüge auf Amerika ausgerichtet: also grosse Erfolge wie auch Rückschläge und wie diese durch Beharrlichkeit verbessert wurden. Ein Gefühl von Religions-Ersatz lässt sich in diesem Buch nicht ganz vermeiden, auch weil der Autor tatsächlich seine Herkunft mit Prägung der Quäcker ausdrücklich beschreibt.

Bei Journalisten war Wikipedia anfangs (und ist es bis heute) verdächtig bis verteufelt, doch das 24jährige Vertrauen in die Verbesserungen durch unzählige Co-Redaktoren ergibt schliesslich ein harmonisches Bild. Der Autor beruft sich immer wieder auf das Bild der Zusammenarbeit als Bau einer Scheune, ob nun ein Softwareprojekt oder eine Zimmermannsarbeit. Auch hier wieder eine quäkerische Auffassung, die im Rest der Welt wahrscheinlich nicht geteilt wird. Wenn ich also etwas nachprüfen will und mich ans Internet wende (das alles war vor KI), kommt garantiert Wikipedia ins Blickfeld, und ich sehe auch die vielen Anmerkungen und das Datum, an dem das Sachgebiet letztmals überarbeitet wurde. Doch ich sehe auch seit einigen Wochen immer wieder eine weisses Schild, das speziell mich als Schweizerin aufruft fünf Franken zu spenden… das ist neu, betteln die Quäker? Jimmy Wales tut es! Ist also Wikipedia am Ende? keine Gratis- Enzyklopädie mehr? Zukunft ist gar nicht so einfach zu gestalten wie eine Scheune!

Cornelia Böhler


Cornelia Boehler, geb. 1943 in Zürich
Aufgewachsen im kinderreichen Quartier Friesenberg. Mit vierzehn Tagebuch für dieJugendseite des Tages-Anzeigers Zürich, Handelsschule, Tätigkeit im Marketing. Redaktionsmitglied der Gemeindezeitung, Korrespondentin beim Anzeiger von Uster. Seit 1985 Autorin. Von 1988 bis 2003 Inszenierungen von Texten mit Gestik und Musik in Kulturcafés, an Ausstellungseröffnungen, in Clubs und Konzertlokalen in Zürich und Umgebung, Baselland, Bern sowie in Darmstadt und Giessen/Deutschland.
Cornelia Boehler

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